UPDATE 9. September 2018: Dr. Beat Richner ist tot

Nachruf in der Neuen Zürcher Zeitung

„Wenn man ein Kind retten kann, dann muss man es retten. Das ist eine simple Entscheidung. Darüber muss man nicht gross nachdenken, dafür braucht`s keine Theorien.“ Dr. Beat Richner

Jeden Morgen ab fünf Uhr stehen kambodschanische Mütter mit ihren kranken Kindern rund um den Block. Rund um die fünf Krankenhäuser in Phnom Penh (4) und Siem Reap. Voller Hoffnung, voller Vertrauen. Diese Spitäler, das wissen sie, haben hunderttausenden Mädchen und Jungen das Leben gerettet. Mit modernster Ausrüstung, kostenlosen Behandlungen und Medikamenten. Das Lebenswerk des Schweizers Dr. Beat Richner, so schreibt die Neue Zürcher Zeitung, sprengt die Vorstellungskraft. Nun ist der 70-Jährige schwer erkrankt und liegt in Zürich im Hospital.

„Von denen, die unter 30 sind, wünsche ich mir Blutspenden; von den Älteren Geldspenden – und von denen, die irgendwo dazwischen liegen, beides.“

So begrüßt Richner gewöhnlich sein Publikum. Da ist kein Platz für Sozialromantik, für einen weichen Einstieg. Vier Mal habe ich seine Vorträge in Siem Reap besucht. Der einstige Musikclown, bekannt unter dem Namen Beatocello, zeigte den offiziellen Dokumentarfilm über die Kantha Bopha-Hospitäler, spielte Bach auf seinem Cello und erzählte aus einem bewegten und bewegenden Alltag. Kein Zuhörer, meist wegen der nahen Tempel von Angkor Wat in der Stadt, verließ den Saal trockenen Auges.

Am Ausgang lagen sein Buch „Ambassador – Zwischen Leben und Überleben“ und DVDs mit der offiziellen Doku. Mehr als fünf Millionen Dollar sammelte der Arzt so für ein aktuelles Jahresbudget von 40 Mio. Dollar, gedeckt zu 90 Prozent durch private Spenden.

Es gibt keine bessere Polemik als harte Fakten. Richner schüttelte sie aus dem Ärmel. 85 Prozent aller kambodschanischen Kinder wurden bisher in den Krankenhäusern behandelt, mehr als 3000 täglich. Ambulant und stationär – dann dürfen die Mütter bei ihren Kindern bleiben. Häufigste Erkrankungen: Dengue-Fieber, Tuberkulose (oft mit der Muttermilch übertragen, 22 000 Fälle allein in 2011), Enzephalitis, Hepatitis C, HIV-Infektion. Da Stromversorgung auf dem Land häufig fehlt, stolpern viele Kleinkinder ins offene Feuer und erleiden Verbrennungen.

Und jeden Tag werden in Richners Krankenhäusern mehr als 50 Kinder geboren.

Richner schilderte offen den Zynismus des kambodschanischen Gesundheitssystems: „Korruption ist ein Killer.“ Die Kliniken verlangen Vorkasse, sonst werden die Kranken nicht behandelt. Die meisten Kinder aber stammen aus Familien, die mit maximal einem Dollar pro Tag auskommen müssen. Schon die Anreise ist oft ein Problem. 80 Prozent der Medikamente seien Fake, so Richner, 20 Prozent vergiftet. In privaten Kliniken seien falsche Diagnosen und Behandlungen häufig.

Kein Wunder, dass selbst Kambodschas Premier Hun Sen seine Kinder lieber zum Schweizer bringt. Mehr muss man nicht wissen.

Zynismus ist keine Frage von Fernost oder West. Eine ehemalige US-Botschafterin in Phnom Penh ließ Richner im Ton höchster Verärgerung wissen, dass ihr Land nicht einen Dollar zur Unterstützung beitragen werde. Schließlich müssten die Patienten nichts zahlen, das sei gegen die Vorschriften. Zudem seien die medizinischen Apparaturen auf dem Niveau von Singapur oder der Schweiz – sie müssten jedoch dem wirtschaftlichen Standard Kambodschas entsprechen.

„Ist Leben retten also Privatsache?“, fragte sich Richner.

Gerne erzählte er auch von dem Experten der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Der wohnte in Siem Reap im „Sofitel“ gleich neben der Klinik, für 340 Dollar die Nacht, und kritisierte am Morgen das Hospital für die „deutlich zu teuren Apparaturen“, die zur Behandlung der Kinder genutzt wurden. In diesem Zusammenhang ist es sicher interessant zu wissen, dass die WHO alljährlich routinemäßig 200 Millionen US-Dollar für Reisen ausgibt, mehr als für die Bekämpfung der dringendsten Gesundheitsprobleme (Quelle: Washington Post).

Dr. Beat Richner bei der Eröffnung des ersten Kantha Bopha-Spitals 1992

1992, zur Eröffnung des ersten Krankenhauses in Phnom Penh, waren 68 Mitarbeiter angestellt. Heute sind es 2 500 in den fünf Kantha Bopha-Hospitälern, fast ausnahmslos Kambodschaner. Ärzte, Krankenschwestern, Pfleger. Alle gut bezahlt, um Korruption im Ansatz zu verhindern. Nun ist der Chef weg. Doch es heißt, schon lange sei für den Fall vorgesorgt, falls etwas Unerwartetes passiere.

„Kambodschas Kinder“, schreibt die Khmer Times, „beten für Dr. Richner.“

Videos: B. Linnhoff, Georges Gachot

Fotos: Beat Richner, far away from home, GL Zürich, Zuberfowler