Thailand-Feeling wie 1994

 

Breiter Strand, nur wenige Menschen. Ein paar Stehpaddler in der ruhigen Andamanensee. Kasuarinen-Bäume, verbunden durch Hängematten. In den Strandrestaurants die frisch gefangenen Früchte des Meeres. In den Bungalows und Zimmern der Resorts kein TV, selten Wlan. Jenseits der beiden Strände Hippie-Atmosphäre. So hatten mir Freunde Koh Phayam geschildert, das kleine Eiland nahe Ranong.

Hörte sich an wie Thailand vor 25 Jahren.

Würde es mir, dem ältesten Backpacker neuerer Zeitrechnung, auf Phayam so gut gefallen wie damals, als ich mich in Thailand verguckte? „Weniger ist mehr“ hieß 1994 das Motto in den einfachen Bambus-Bungalows an den Stränden von Koh Samui, Koh Phangan und Koh Tao.

Koh Phangan 1994

Was brauche ich wirklich zum Glück? Wieviel von all dem, was im Alltag unabhörlich um mein Interesse kämpft und um mich wirbt? Diese Fragen beschäftigten mich damals nach meiner Rückkehr nach Deutschland. In der heimischen Komfortzone aber setzte sich wieder die Macht der Gewohnheit durch.

Erst 2008, vor dem Umzug nach Thailand, sortierte ich vieles aus, was so lange unverzichtbar schien und mir anschließend überhaupt nicht fehlte. Seither reise ich gerne mit leichtem Gepack. Auf den Air-Asia-Flügen von Chiang Mai über Bangkok nach Ranong und zurück durfte mein Rucksack maximal sieben Kilo wiegen. Drei T-Shirts, ein Hemd, Badeshort, Shorts mussten reichen; Laptop, Kamera und ein eBook Reader komplettierten die Ausrüstung.

Foto Faszination Fernost/B. Linnhoff

Ganze drei Flüge, ausgehend vom Flughafen Don Mueang in Bangkok, landen täglich auf dem kleinen Flughafen von Ranong, unweit der Grenze zu Myanmar. Vom Airport geht es weiter mit dem Bus zum Pier und mit dem Speedboot zur Insel Koh Phayam. Die Fahrt dauert etwa 40 Minuten.

 

Nach der Ankunft mieteten wir Motorradtaxis mit (120 Baht) und ohne Seitenwagen (80 Baht), die uns zu unserer Unterkunft brachten.

Willkommen auf Koh Phayam (Foto: Khun Disco)

 

Die Wände aus Bambus

Bei Aow Yai Bungalows hatte ich einen Bambus-Bungalow in der Preisklasse um 1600 Baht gebucht – einen „Garden-Bungalow“ für die ersten drei Tage und für weitere drei Tage einen mit Meerblick. Beide so gepflegt wie die ganze Anlage, aber nur unwesentlich komfortabler als die Bungalows vor 25 Jahren.

Aow Yai Bungalows (Foto Faszination Fernost/B. Linnhoff)

Das war die Grundausstattung: (Geräumiges) Bett, Moskitonetz, Kaltwasserdusche, keine Toilettenspülung – bei Bedarf musste man den Früchten des Leibes einen Eimer Wasser nachschicken. Wlan gab es nur im Restaurant, dort schrieb ich für meinen Blog bis 18 Uhr. Dann ging das Licht an, und die Moskitos übernahmen das Kommando. 

 

Mein Bad mit Toilette war überdacht, aber an den Seiten links und rechts oben offen. Diesem Mut zur Lücke begegnete ich beim nächtlichen Toilettengang mit großer Achtsamkeit – der Waldrand lag nicht weit entfernt, ungebetene Gäste im Bad schienen mir zumindest möglich, kleine Tiere zum Beispiel.

Fotos Faszination Fernost/B. Linnhoff

Schon nach zwei Tagen war das alte Thailand-Feeling wieder da. In tropischer Wärme stört selbst eine Kaltwasserdusche nicht. Nachts schlief ich früh, tief und lange.  

Es geht noch einfacher: Smile Hut

Smile Hut (Fotos Faszination Fernost/B. Linnhoff)

Die Preise für die verschiedenen Resorts am Ao-Yai-Strand differieren stark. Ohne jeden Komfort stehen die Hütten von Smile Hut für 650 Baht pro Nacht immerhin direkt am Strand. Strom gibt es von 18.30 bis 22 Uhr. der Übernachtungspreis gilt – wie immer in Thailand – fürs Zimmer und nicht pro Person.  

Viel los ist wenig auf Koh Phayam

Foto Faszination Fernost/B. Linnhoff

Das allerdings hätte mich in jüngeren Jahren gestört: Auf Koh Phayam musst du ständig damit rechnen, dass nichts los ist. Heute sage ich dazu: Großartig!

Die Insel ist ein idealer Energiespeicher, den du jederzeit anzapfen kannst. Sofern du Ruhe aushältst. Viele Gäste sind jenseits der Vierzig. Für sie und für mich gilt:  Wenn wir genug zu essen und zu trinken haben, können wir auf alle Aktivitäten verzichten. Eine Massage oder ein Buch tolerieren wir so eben noch. 

Wer`s mag, kann sich an Beachvolleyball erfreuen, in den Mangrovenwäldern kajaken oder an den nahen Riffen tauchen. Wahlweise auch mit dem Rad über die Insel touren oder durch die Botanik spazieren, um mit Glück Hornvögel, Echsen und Affen zu erspähen.

Phayam ist bekannt für Cashewnüsse, aber nicht für Bling-Bling. Es gibt immer noch keinen Geldautomaten. Daher sollte der Gast ausreichend Bargeld mitführen – hier wird cash bezahlt, nicht mit Kreditkarte.  

Nur fünf Monate Saison

Phayam Lodge, Familienbungalow (Foto: Klaus Hoeltzenbein)

Die Provinz Ranong soll die feuchteste in Thailand sein, daher währt die Saison ganz grob nur von November bis Mitte Mai. Danach schließen viele Resorts wegen des schlechten Wetters, selbst die Fähren stellen oft den Betrieb ein.

 

So bleibt den Hoteliers nur eine kurze Spanne, um genügend Geld fürs ganze Jahr zu verdienen. Das erklärt die Preise in der Phayam Lodge für ihre komfortablen Steinbungalows, den Gegenentwurf zu den billigsten Hütten.

In meiner zweiten Woche auf Phayam logierten wir – Disco, Klaus und ich – für 5300 Baht pro Nacht in einem großzügig dimensionierten Familienbungalow, in dem auch fünf Personen mühelos Platz gefunden hätten.

Bubble Bar (Foto: Klaus Hoeltzenbein)

Zur Phayam Lodge gehört die beliebte Bubble Bar. Sie schließt – auch das ist bezeichnend für die Insel – im Normalfall um 22 Uhr.

Fotos: Klaus Hoeltzenbein (2), Faszination Fernost/B. Linnhoff

Ein Strand wie wenige andere

Ao Yai Beach (Foto: Khun Disco)

Unabhängig vom Standard der Unterkunft genießen alle Gäste den ungewöhnlich breiten und ungewöhnlich sauberen Strand, ein Idealfall nicht nur für Familien mit Kindern. Im Meer schwimmt nichts, was den Badenden stören könnte. Am Tag und selbst in der Nacht spazierten wir den Strand barfuß rauf und runter oder wateten bei Flut durch die flach einlaufenden Wellen – es braucht viel Glück, um mal auf einen kleinen Stein zu treten, von größeren Gegenständen zu schweigen. Die emsigen kleinen Krabben verschwinden stets rechtzeitig in ihren Höhlen.

Fotos: K. Hoeltzenbein (2), Faszination Fernost/B. Linnhoff (3)

Am Abend genießen Jung und Alt spektakuläre Sonnenuntergänge, in Orange, Rot, Gold und Magenta.

Meeresfrüchte am Abend

Foto Faszination Fernost/B. Linnhoff

Freund Disco probierte sich als Veganer aus – das grenzte an Askese angesichts der allabendlich frischen Meeresfrüchte in den Strandrestaurants der Resorts JJ, Bamboo Bungalows und Ziggy Stardust.

 

Weiße und rote Schnapper, gegrillt oder gekocht, Tintenfisch mit Knoblauch und schwarzem Pfeffer, Garnelen mit gebackener Kartoffel, Barracuda-Steak, dazu Reis und eine große Auswahl an frischen Gemüsen, vorzugsweise serviert in einer Tamarindsauce: Exakt das Angebot, bei dem keiner Angst haben muss, Gewicht zu verlieren. Und das Dessert habe ich nicht einmal erwähnt.

Auch unter Strandhunden gibt es offensichtlich Gourmets. Einer von ihnen tafelte am Nachbartisch und fiel über die Reste her.

Wie einst auf  Koh Phangan

Foto Faszination Fernost(B. Linnhoff

Abseits des Strandes erinnerte mich Phayam stark an die Szenerie auf Koh Samui/Koh Phangan vor 25 Jahren. Alle einschlägig bekannten Legenden, Untoten, Muntermacher und Entschleuniger waren vertreten: Bob Marley, AC/DC, Axl Rose, Jack Daniels, Captain Morgan, Johnnie Walker. Unverschlüsselte Codes für alle, die gerne mal auf völlig andere Gedanken kommen wollen. Oder auf gar keine.

Fotos Faszination Fernost/B. Linnhoff

Junge Reisende, die etwas erleben wollen auf Phayam, bevorzugen die entfernten Enden des Ao-Yai-Strandes, wo Reggae-Rhythmen Partystimmung verheißen. Auch die Bars und Restaurants entlang des Weges, der den Ao-Yai-Strand mit der Büffel-Bucht (Ao Khao Kwai Beach) verbindet, finden ihr Publikum. Hin und wieder finden Live-Konzerte statt oder Muay-Thai-Kämpfe.

Abschied von Koh Phayam

Foto Faszination Fernost/B. Linnhoff

Ein letzter Blick durch die Palmen und Kasuarinen-Bäume aufs Meer. Das Leben ist endlich, unser Aufenthalt auch. Er hatte etwas von Heilung. Verrutschte Einzelteile fielen zurück an ihren Platz. Sonnenreflexe auf den Wellen, eine leichte Brise, viel Blau, viel Grün, viel Licht. Naturmedizin auf einem Eiland, dessen fragile Schönheit bisher verschont blieb vom Hotelklötzen, Immobilienspekulation und Palmölplantagen.

Get your kicks at Rut 66

Auf dem Weg zum Pier sah ich das Kneipenschild: RUT 66. Aha, dachte ich, da hat mal wieder ein Thai den Sprung von seiner Sprache ins korrekte Schrift-Englisch nicht gepackt.

Da lugt er um die Ecke: Rut (Foto Faszination Fernost/B. Linnhoff)

Ich stieg vom Rücksitz, um die Thai-Variante der Route 66 im Bild zu verewigen. Am Bildrand tauchte der Eigentümer der Bar auf und rief: „Do you know what it`s all about?“ Ich hatte keine Ahnung, was es mit dem Schild auf sich hatte. „My name is Rut, and I was born in 1966“, sagte er und lachte – wieder einmal hatte ihn jemand vorschnell für dämlich gehalten.

An Bord mit Buddhas Bodenpersonal

Foto: Uwe Wojatzek

Wahrscheinlich hätte ich auch allein nach Ranong zurückgefunden, aber Buddha stellte mir seine spirituelle Leibgarde zur Verfügung. Natürlich verlief die Rückfahrt mit dem Speedboot durch die Andamanensee außerordentlich friedlich.

Fotos Faszination Fernost/B. Linnhoff

Anreise Koh Phayam

 

Zum Vergrößern auf die Karte klicken

Auf Koh Phayam ist wenig los, auf der Nachbarinsel Koh Chang – nicht zu verwechseln mit dem „großen“ Koh Chang im Golf von Thailand –  überhaupt nichts. Stefan Wagner schildert im Blog „Stefan in Thailand„, warum das kleine Koh Chang dennoch seine Lieblingsinsel bleibt und er damit keineswegs allein steht. 

Nach sorgfältiger Recherche weiß Stefan auch en detail, wie man nach Koh Chang kommt und nach Koh Phayam – die Informationen sind in beiden Fällen identisch, mit Ausnahme des allerletzten Teilstücks.

https://stefaninthailand.de/koh-chang-ranong/