Geschlechtsumwandlung: Aus Hans-Peter wurde Mia

Seit Stunden gießt es, die Beschreibung ist eher vage, und so laufen wir übers Wasser durch den Stadtteil Zhongshan, Section 1. An meiner Seite Toni Lovrec, Freund aus Bangkok, der in den Tagen zuvor seine Kunden auf Taiwan besucht hat. Wir suchen eine Sportsbar, und er folgt zuversichtlich den Hinweisen, die er in unserem Hotel Gloria Prince erhalten hat. So stellen wir uns unser Programm vor an diesem Samstagabend:

Faktor eins: Toni ist Fan von Bayer 04 Leverkusen; deswegen umweht ihn im Kreis der German All Stars Bangkok ein Hauch von Einsamkeit. Faktor zwei: Spät in dieser taiwanischen Nacht (23.30 h Ortszeit) wird das Bundesliga-Spitzenspiel Bayer 04 gegen Bayern München angepfiffen. Das wollen wir sehen, live im TV.

„Vor meinem geistigen Auge sehe ich einen Hans-Peter“, sagt Toni, kraftvoll ausschreitend, „der auf Taiwan hängengeblieben ist, eigentlich nicht mehr arbeiten muss, aber aus reinem Spaß eine Sportsbar aufgemacht hat, in der er zum Selbstkostenpreis Bier ausschenkt. Und im Fernsehen läuft Bayer gegen Bayern.“ Wer Visionen hat, sagte Otto Rehhagel, sollte zum Arzt gehen.

Unsere müden Beine kehren zunächst einmal bei Candy ein. 50 Jahre jung, perfektes Englisch, witzig, vielgereist, die Stimme dank Whisky und Zigaretten tiefer gelegt. Von den drei Jahren ihres Lebens in München ist ein raues „Danke schön“ geblieben, auf Wunsch zählt sie auf Deutsch bis Zehn. Alle Zutaten zeugen von einem Lebenslauf, wie ihn nur die Gastronomie schreibt. Ihre schmale Kollegin Rita hat heute Geburtstag. Ältere Chinesinnen sind schwer zu schätzen, aber eines steht fest: Bei der Auferstehung des Fleisches kann Rita liegenbleiben.

Wayne Rooney auf 17 Bildschirmen

Gegen Candys Bar spricht das TV-Programm: Baseball bis zum Abwinken, Indiz für die Amerikanisierung der Nationalchinesen im einstigen Formosa, dem heutigen Taiwan. Mittlerweile hat die Partie in Leverkusen begonnen. Zwei Seitenstraßen später, wir sind baff, Sportsbar an Sportsbar. In Jessies Bar spielen hübsche Taiwanerinnen Dart, und auf 17 Bildschirmen läuft ausschließlich Sunderland – Manchester United. Die Alternative auf dem einzigen verbleibenden Schirm: Baseball. Toni rettet sich in den „kicker“-Liveticker auf seinem Handy. Bald fällt das 0:1, wenig später der Ausgleich für Bayer 04. Toni strahlt.

17mal Wayne Rooney ist selbst mir als Fan der Premier League zu mächtig, und so gehe ich wieder auf die Straße. In der Bar nebenan lockt Live-Rock, doch dann sehe ich das Schild:

131011_1 Das-Schild

131011_2 Das-Schild-und-die-Bar-in Taipeh-Respekt

Das waren wir nicht

„Jetzt treffen wir Hans-Peter“, jauchzt Toni, „und sehen die zweite Halbzeit live.“ Hans-Peter entpuppt sich, glückliche Fügung, als Mia, eine so freundliche wie hübsche Endzwanzigerin. „Ihr seid aus Deutschland?“, fragt sie. Drei Jahre hat sie mal in Frechen bei Köln gelebt, und das sehr gerne. „Wir würden gerne Bundesliga schauen“, säuselt Toni. „Kein Problem“, sagt Mia. TV an, chinesischer Kommentar, Anpfiff zur zweiten Halbzeit.

Nach dem Abpfiff ist Toni so glücklich wie Leverkusens Punktgewinn: „Lokalrunde!“ Ein großes Wort, denn außer uns sitzt nur noch ein Paar in der Bar, und die Frau muss bei jedem Toilettengang von Mia in der Spur gehalten werden. Alle bedanken sich auf Deutsch und bestellen – nichts. Inzwischen zeigt die Uhr 2.30, nun wird es langsam Zeit. Für Live-Rock.

Der Köln Pub ist zu erreichen unter +886 2 2586 8895

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