Essen in den Straßen Yangons

Foto: B. Linnhoff/Faszination Fernost

Das Mädchen, vielleicht zwei Jahre alt, hockt, wie in Südostasien üblich, auf den Fersen und schaute auf einen Kunststoffbehälter, dessen Inhalt sich ab und an bewegt. Ein Rätsel für die Kleine, ein Rätsel für mich. Zunächst will ich mich dazu hocken, doch dann kauerte ich vor einem weiteren Rätsel: Wie komme ich wieder hoch?

Hochkommen ist das beste Mittel gegen Durchhängen, aber manchmal auch eine Frage der (nicht mehr vorhandenen) Flexibilität. Geschmeidigkeit schadet auch an den Essensständen Yangons nicht, denn die Schemel enden knapp über der Erdkruste.

Nun sitze ich also auf einem dieser Schemel, sortiere meine Glieder und bin immer noch nicht wesentlich weiter. Denn eine Blindverkostung ist nicht das, was mir für eine Mahlzeit an den Straßen Yangons vorschwebt. Ich wüsste schon gerne vor dem ersten Bissen, was da auf meinen Magen zukommt. Speisekarten sind, wenn überhaupt vorhanden, im einheimischen Idiom verfasst. Birmas Sprache und Schrift, so heißt es, ähneln der Khmer-Sprache Kambodschas. Das hilft mir sehr. Letztlich muss ich dem Guten im angebotenen Tier vertrauen und es mit noch mehr Vertrauen essen.

Es schmeckt fast immer, die Waren sind frisch. Ängstliche zeigen auf Gemüse und Nudeln, da kann nichts schiefgehen.

Fondue à la Yangon (Foto: B. Linnhoff/Faszination Fernost)

Fondue à la Yangon (Foto: B. Linnhoff/Faszination Fernost)

Dann macht es Platsch

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Thanaka Paste (Foto: B. Linnhoff/Faszination Fernost)

Geografisch bildet Myanmar die Brücke zwischen Indien und China, und so finden sich Einflüsse beider Völker in vielen Gesichtern. Vier Charakteristika treffen wir immer an: Freundliche Mimik, Longyis, roten Auswurf auf den Straßen und mit Paste bestrichene Gesichter bei Frauen und Kindern.

Die Thanaka-Paste, die in verschiedenen Mustern Stirn und Wangen ziert, gilt burmesischen Frauen und Kindern als Sonnenschutz und natürliche Hautkosmetik. Sie wird aus der fein zerriebenen Rinde des indischen Holzapfelbaumes gewonnen und nach dem Zerreiben mit Wasser gemischt.

Der rote Auswurf hingegen ist für den fremden Flaneur zunächst ein akustisches Phänomen, weil er immer mit lautem „Platsch“ auf der Straße landet – der Auswurf, nicht der Fremde. Viele Birmaner kauen die Betelnuss, oft gemischt mit Tabak. Je mehr und länger sie kauen, desto häufiger fliegt einem der rote Saft in kräftigem Strahl um die Ohren. Dem Konsumenten färbt er die Zähne, was einem freundlichen Lächeln schon mal gruseligen Charme verleiht.

Der König des Wühltischs

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König des Wühltischs (Foto: B. Linnhoff/Faszination Fernost)

Bliebe als weiteres traditionelles Element noch der Longyi, eine Art Wickelrock und selbstverständlicher Bestandteil der Alltagskleidung aller Männer in Birma. Im Longyi hetzen sie als Geschäftsleute zu einem Termin, steuern Taxis oder mimen den König des Wühltischs.

Ich gehe noch einmal zurück zu dem Straßenhändler mit den Plastikröhren und dem beweglichen Inhalt. Sein Geschäft ist offenbar kein illegales, aber er gibt mir eindeutig zu verstehen, dass er sein Business nicht im Bild festgehalten sehen möchte.

Es sind Babyschlangen, die sich in den Kunststoffröhren rekeln. Giftige. Der Händler melkt das Gift in Becher und verkauft es. Auch mein Führer Soe kann oder will mir nicht sagen, zu welchem Zweck das Gift dienen könnte und von welcher Spezies es gemolken wird. Ein Rest des Rätsels bleibt.

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